Der Atem und das Atmen schützt das Da-zwischen

von Anne-Claire Mulder (Link to English Version)

In unserem ABC haben wir Autorinnen bereits unsere Gedanken über das Dazwischen aufgeschrieben. Als ich den Text wiedergelesen habe, fand ich ihn etwas theoretisch. Es erschien mir schwierig, unsere Gedanken auf alltägliche Tätigkeiten anzuwenden. Daher habe ich versucht, das Konzept des Dazwischen praxisorientierter zu machen, indem ich es in den Kontext von Gesprächen im „echten Leben“ stelle. Auch Anlässe wie unsere Denkumenta, an der Dialoge sehr bedeutsam und eine der Hauptformen des gegenseitigen Kennenlernens und Verstehens darstellen, sind Orte, an denen das Dazwischen in einen solchen Zusammenhang eingebettet werden kann.

Bei solchen Treffen, an denen Dialoge wichtig sind, suchen die TeilnehmerInnen nach Bildern, Wörtern, Geschichten und Praktiken des guten Lebens, die von vielen geteilt werden. Diese Suche hat einen Versuchs-Charakter, denn es ist nicht sicher, ob die Teilnehmenden eine gemeinsame Basis, eine gemeinsame Sprache oder ein gemeinsames Verständnis der Wörter und Bilder  finden werden, die sie miteinander austauschen. Während des Austauschs wird jedoch klar, welche Wörter, Bilder oder Geschichten gemeinsame sind und in Bezug auf welche Ideen unterschiedliche Meinungen und Differenzen bestehen.

Im Grunde sind Treffen und Dialoge mit anderen Wege und Methoden, sich selbst mit anderen in Verbindung und Beziehung zu setzen. In diesem Prozess entsteht ein „Wir“, eine bestimmte Form des Zusammensein. Dieses „Wir“ kann neu entstehen oder auch wieder erneuert werden, wenn es früher schon eine Beziehung zwischen den sich Begegnenden gab.

Wenn es stimmt, dass wir, wenn wir uns treffen, auf der Suche sind nach einer neuen gemeinsamen Grundlage, nach einem neuen „Wir“, dann ist es nicht verwunderlich, dass nicht alle dialogischen Treffen erfolgreich sind. Denn es ist nicht so einfach, der Differenz zwischen der einen und dem anderen gerecht zu werden und gleichzeitig das Gemeinsame zu finden, diese Verbindung, die beide teilen. Viele von uns wissen, dass bei der Suche nach einem neuen „Wir“, Differenzen leicht zur Seite gewischt werden können.

Arten, ein „Wir“ hervorzubringen

Dies hat etwas zu tun mit dem Wort „Wir“, das eine Einheit suggeriert, ein kollektives Subjekt. Es bringt dich und mich (das Du und das Ich) zusammen. Lassen Sie mich einige mögliche Methoden beschreiben, die in Gruppenprozessen benutzt werden, um ein „Wir“ hervorzubringen:

  • Das „Wir“ wird durch Verschmelzen erzeugt. Du und Ich werden eine Einheit. Wir sind unzertrennlich; wenn du eine siehst, siehst du auch den anderen. Wir kommen und gehen gemeinsam, und unsere Ansichten unterscheiden sich nicht.
  • Das „Wir“ wird durch Anpassung oder Übernehmen „Ich“ möchte so gern zu „dir“ gehören, dass ich mich an deine Gewohnheiten anpasse.
  • Das „Wir“ wird durch Usurpierung erzeugt. Dies zum Beispiel, indem du mich ausgelöscht hast, indem du zu mir gesagt hast, dass ich gleich wie du sei, dass wir identische Ansichten haben und indem ich nicht fähig war, dieser Behauptung Widerstand zu leisten.
  • Das „Wir“ wird dadurch erzeugt, dass du und ich entschieden haben, unsere Differenzen nicht wichtig zu nehmen und uns von nun an als Einheit zu präsentieren.

All diese Beispiele der Erzeugung eines „Wir“ haben gemeinsam, dass sie die Differenzen zwischen uns negieren. Manchmal geschieht dies freiwillig und absichtlich, zum Beispiel zu Beginn einer Liebesbeziehung oder im ersten Enthusiasmus eines neuen Projekts. Manchmal geschieht es unter Druck, beispielsweise bei der Diskussion über kulturelle Anpassung.

Meist jedoch geschieht das Auslöschen der Differenzen im Vorübergehen, ohne, dass es auffällt, als eine Auswirkung der Macht des „Wir“. Dann kann es passieren, dass jemand bemerkt, dass die Verbindung erstickend ist, weil sie keinen Raum für Differenz oder Meinungsverschiedenheiten bietet (und dass sie oder er ausbrechen möchte, dieses „Wir“ zerbrechen möchte und die Differenzen zwischen den einzelnen Subjekten in das kollektive Subjekt einbringen möchte).

Wenn das „Wir“, das kollektive Subjekt, erblühen möchte, ist es notwendig, dass die Differenzen und Meinungsverschiedenheiten zwischen Dialogpartnerinnen und -partnern bewusst erkannt und anerkannt werden. Das bedeutet, dass dieses „Wir“ keine Haube sein soll, die über uns gestülpt wird, sondern dass das „Wir“ in dem Raum zwischen dem „Du“ und dem „Ich“ geschaffen wird. Die Beziehung zwischen „Ich“, „Du“ und dem „Wir“, das mir vorschwebt ist eine horizontale, nicht eine trianguläre. In einer triangulären Beziehung wird das „Wir“ häufig an die Spitze gesetzt, und das suggeriert, dass das „Wir“ wichtiger ist als das „Ich“ und das „Du“.

Ein „Dazwischen-Raum“, der dich und mich trennt und verbindet

Ich möchte das Bild der horizontalen Beziehung zwischen dem „Ich“ und dem „Du“ weiter entwickeln, indem ich die Aufmerksamkeit auf den Raum zwischen dem „Ich“ und dem „Du“ richte. Meiner Auffassung nach entsteht der Dialog zwischen dem „Ich“ und dem „Du“ in diesem „Dazwischen“. Das kann auf eine sehr wörtliche und konkrete Weise verstanden werden: das Dazwischen als der offene Raum in der Mitte eines Kreises, der Raum zwischen Stühlen – all diese Räume sind zwischen den Teilnehmenden, sie sind ein „Dazwischen“.

Dieser Raum zwischen und um die eine und den anderen herum trennt beide voneinander, er ermöglicht ihnen, sich voneinander zu unterscheiden und von Aussenstehenden (voneinander) unterschieden zu werden. Das bedeutet, dass das Dazwischen die Unterscheidung, die Differenz zwischen ihnen schützt – oder, um präziser zu sein, sollten wir sagen, dass das Dazwischen der Raum der Differenz zwischen dem einen und der anderen ist.

Es ist wichtig zu unterstreichen, dass das Dazwischen prinzipiell unauflösbar ist, ganz gleich, wie nah wir dem Anderen kommen. Es wird immer einen Raum zwischen dem einen und der anderen geben. Wenn Sie an die konkrete Begegnung mit einer anderen Person denken, werden Sie bemerken, dass, wie nah auch immer Sie der anderen Person kommen – zum Beispiel, indem Sie Nase an Nase stehen – immer ein Raum zwischen Ihnen und der anderen Person bleibt – auch wenn es nur ein Millimeter, eine Membran oder ein Atemzug ist. Um dieses Dazwischen auszulöschen, müssten Sie den Raum der anderen Person einnehmen, ihren Platz übernehmen, mit ihm verschmelzen.

Ein weiteres Beispiel für das Dazwischen ist die Placenta, die als eine Zwischenmembran Mutter und Fötus im Mutterleib trennt. Dabei ist es klar, dass ihr Zusammenleben, ihre Symbiose, ihre Differenz nicht auslöscht. Sie sind nicht eins, sondern zwei.

Beide Beispiele verweisen auf den nicht reduzierbaren Charakter des Dazwischen. Sie klären, dass das Dazwischen nur in der Vorstellung oder Phantasie aufgelöst werden kann, oder durch die Sprache, beispielsweise indem über die Beziehung zwischen Mutter und Kind im Mutterleib gesprochen wird, als ob sie eine Einheit wären, oder indem die Beziehung zu einer anderen Person gedacht wird, als ob es keine Unterscheidung zwischen dem „Ich“ und dem „Du“ gäbe, als ob es eine einzige Seele gäbe. Diese beiden Arten, über Subjekte als Teil eines „Wir“ zu sprechen, hat eine Auslöschung des figurativen Raums zwischen den Teilnehmenden an der Konversation zur Folge: der Raum ihrer Differenzen, ihrer unterschiedlichen Positionen, Visionen, Gewohnheiten und Arten des Seins.

Dennoch ist die Beschreibung des Dazwischen als Raum, der trennt, nicht das einzige, das über das Dazwischen gesagt werden kann. Das Dazwischen ist auch der Raum, der geteilt wird. Sobald „Ich“ und „Du“ einander treffen und in Dialog treten, betreten sie, bildlich gesprochen, einen Zwischenraum, einen Raum des Dazwischen, der dann zu einem geteilten Raum wird.

Oder, um es anders zu sagen: das, was vor der Begegnung ein allgemeiner Raum war, wird durch das Treffen verändert und zu einem geteilten Raum, der in Beziehung bringt. In diesem Raum weben das „Ich“ und das „Du“ ihre Beziehungen in einem Wechselspiel der Kommunikation und des Teilens miteinander. Ein Gefühl des Zusammenseins und der Gegenseitigkeit kann in dieser Kommunikation von Worten, Beziehungen, Gefühlen hervorgebracht werden. Diese Gemeinsamkeit und Gegenseitigkeit ist eine zerbrechliche Kreation und kann auch als ein „Wir“ gesehen werden, das durch und in der Begegnung entsteht. Dieses „Wir“, das im Dazwischen geschaffen wird, kann selbst als ein Dazwischen aufgefasst werden. Es ist buchstäblich ein inter-esse – und widerspiegelt die Interessen der Teilnehmenden am Dialog. Dieses Hervorbringen eines Dazwischen, eines „Wir“ zwischen dem „Ich“ und dem „Du“ ist daher eine gemeinsame Kreation, etwas, das gemeinsam geschaffen wird, etwas, von dem niemand behaupten kann, es allein geschaffen zu haben, denn solch eine Behauptung würde das Dazwischen auslöschen.

Die Leidenschaft des Staunens bringt den Zwischenraum, den Raum des Dazwischen, hervor

Wie ist es möglich dieses „Zwischen“ mir und dir zu beschützen?

Ich kann diese Frage nicht abschließend beantworten, aber ich bin überzeugt, dass eine Praktik des Staunens, des Bewunderns der „Andersheit“ der oder des anderen hilfreich wäre.

Wenn jemand eine/n andere/n trifft, nimmt sie ihn wahr: sie sieht, hört, riecht ihn. Das bedeutet, dass jemanden zu treffen Spuren sinnlicher Eindrücke im Körper hinterlässt. Diese Eindrücke können mit Berührung verglichen werden. Den anderen wahrnehmen heisst durch die andere berührt werden. Und diese Berührung ruft eine Reaktion hervor. Diese Reaktionen können ganz unterschiedlich sein: von bescheiden zu überschwänglich, von Zurückweisung bis Enthusiasmus reicht das Spektrum. Schaute man all diese möglichen Reaktionsweisen genauer an, würde man wahrscheinlich entdecken, dass in ihnen immer dies Moment des Staunens enthalten ist, eine Unterbrechung im Zugang zu der Anderen: das Ich wird vom Anderen in Erregung versetzt, überrascht, vom Unerwarteten getroffen. Alle diese Worte – Erregung, Verwunderung, Überraschung, auch Befremden – beschreiben das Staunen, und sie deuten daraufhin, was jemanden über den Anderen staunen lässt: nämlich dass der Andere unterschiedlich zu mir ist, seltsam und voller Überraschungen.

René Descartes beschreibt die Leidenschaft des Staunens als erste Leidenschaft. Er schreibt, dass das Staunen anderen Leidenschaften wie Liebe oder Hass, Gier oder Geiz vorangeht. Ausserdem ist das Staunen die einzige Leidenschaft, die kein Gegenteil kennt im Gegensatz zu Liebe und Gier. Jemand, der oder die von jemand oder etwas anderem überrascht ist, staunt, hat noch keine Beziehung zu diesem oder dieser anderen, hat noch keine Position in Bezug auf diese andere Person oder Sache, hat noch nicht entschieden, ob die andere Person schön ist oder nicht, nett oder nicht, ob dieses andere gut schmeckt oder nicht. Er oder sie weiss nur, dass dieses andere neu, überraschend, merkwürdig oderbefremdend ist.

Die Kombination aus Unterbrechung bei der Annäherung an das Andere und das Zurückstellen eines Urteils bringt das Dazwischen hervor, weil die Person, die durch etwas Anderes überrascht ist, langsamer wird, eine Pause macht, darüber nachdenkt, was sie sieht, hört und riecht. Dieses Staunen über die Empfindungen, die durch Wahrnehmen des Anderen hervorgebracht werden, bringt einen Zwischenraum hervor; einen Zwischenraum, der seinerseits ein Dazwischen generiert. Durch Langsamer-Werden oder sogar Anhalten bei der Annäherung an das Andere, entsteht ein „Dazwischen-Raum“.

Der Zwischenraum, das Intervall – die Momente, die durch Unterbrechungen im Fluss der Annäherung hervorgebracht werden – bringt Zeit für das Nachdenken hervor: Nachdenken über die Frage, wer dieser oder diese andere ist, was es mit diesem oder dieser anderen oder ihren Worten auf sich hat, über Ideen, die dich so berührt haben, so bewegt haben, dass du denkst oder sagst: „Wer bist du?“. Diese Frage lädt die andere Person ein, etwas über sich zu enthüllen. Sie kann als Einladung an den oder die anderen verstanden werden, sich dem Dialog zu öffnen, eine Einladung eine imaginäre Grenze zu überschreiten und den Raum zwischen beiden zu betreten.

Aber die Frage „Wer bist du?“ richtet sich nicht nur an die andere Person; es ist auch eine Frage, die das Ich sich selbst stellen kann. „Warum bin ich durch Staunen berührt?“, „Was denke ich?“, „Wer bin ich selbst?“ All diese Fragen können einem Subjekt durch den Kopf gehen, manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Durch diese Fragen öffnet sich auch das Ich für den Dialog und betritt den Raum dazwischen. Durch diese Bewegung, manchmal in direkten Schritten, meist als imaginäre Schritte zum Anderen, wird der Zwischenraum ein Da-zwischen: ein Raum, der nicht nur ein Inter-esse ist, sondern in dem sich auch ein Austausch von Interessen in Worten, Bildern, Geschichten ereignen kann, von dem, was man wertschätzt, was man für göttlich hält.

Die Art und Weise wahrzunehmen, dass jemand durch Staunen berührt wird: Aufmerksamkeit auf den Atem und das Atmen

Nun habe ich behauptet, dass diese Leidenschaft des Staunens oft nur für einen vergänglichen Moment aufscheint. Das bedeutet, dass ein Mensch die meiste Zeit lang nicht erkennt, dass sie innegehalten hat vor der Andersheit des anderen oder dass er von Überraschung überwältigt worden ist oder….Das alltägliche Leben läuft in einem Tempo ab, das es erschwert auf die eigenen inneren Bewegungen, Beweggründe zu achten, und dies bei jeder Begegnung. Hinzukommt, dass die meisten Begegnungen durch Gewohnheit charakterisiert werden. Das erschwert zusätzlich das Staunen über die Andersheit des anderen oder das Bemerken, dass die andere einen neugierig macht darauf, wer sie oder er ist. Und dies wiederum erschwert es, den Raum zwischen dem Ich und dem Du wahrzunehmen und anzuerkennen und dieses Dazwischen als Raum, der die Differenz schützt, zu erhalten.

Dies wirft die Frage auf: Wie können wir aufmerksam auf die Leidenschaft des Staunens werden? Eine mögliche Herangehensweise wäre eine Praktik, die Sinne – Sehen, Hören, Riechen, Bewegung – sensibler zu machen, wahrnehmender, einfühlsamer. Dies nicht nur in Bezug auf starke Eindrücke – ein lautes Geräusch, einen heftigen Geruch, sondern auch in Bezug auf subtilere Unterschiede in Bezug auf Geruch, Geschmack, Bewegung… Die Andersheit des anderen findet sich häufig in diesen kleinen Unterschieden, die so leicht übersehen werden. Man bemerkt sie aber nimmt sie nicht wahr. Diese Methode ist also im wörtlichen Sinn gemeint – nicht nur die Sinne sensibler machen, sondern auch das Subjekt aufmerksamer machen, bezogener auf die eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen. Diese Methode bedarf eines Bezugs auf das Innere, auf die Reaktionen des Körpers, einer Aufmerksamkeit auf die Räume innerhalb des Körpers und die, die ihn umgeben.

In diesem Prozess ist es von entscheidender Wichtigkeit, auf den Atem und das Atmen zu achten. Wenn jemand auf ihren Atem und ihr Atmen achtet, macht sie einen Schritt zurück, nimmt Distanz zum anderen und davon, ihn wahrzunehmen und kehrt zum eigenen Körper zurück, zu ihrem eigenen Raum, indem sie die Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung ihrer selbst lenkt und auf die Bewegungen ihres Körpers und ihrer Seele in Bezug zum anderen.

Die Leidenschaft des Staunens wird getragen vom Atem und der Atmung. Denn die Leidenschaft des Staunens bedarf einer Beziehung zum anderen in welcher das Ich bezogen auf sich selbst bleibt, im eigenen Raum, verwurzelt in ihrem oder seinem eigenen Körper. Bewusst zu atmen macht es möglich, sich nicht in der Begegnung mit dem anderen zu verlieren, nicht den Raum zwischen beiden auszulöschen, sondern ihn zu wahren, indem die Grenze zwischen dem eigenen und dem geteilten Raum vorsichtig überschritten wird.

Aufmerksamkeit auf den eigenen Atem als Methode, den Zwischenraum zwischen dem einen und dem anderen zu schützen: das erscheint leicht, beinahe zu leicht. Aber die Erfahrung hat mir gezeigt, dass es nur einen kleinen Moment braucht bis die Aufmerksamkeit abgelenkt wird – weg vom Selbst, hin zu Gedanken, Bildschirm, Konversation – vielleicht indem es den anderen absorbiert oder durch ihn absorbiert wird hinein in ein Wir, das in diesem Moment geschaffen wird.

Das bedeutet, dass die Aufmerksamkeit auf den Atem geübt und gelernt werden muss, damit sie Teil der Praxis, ich selbst zu sein und gleichzeitig in Beziehung zu sein wird. Diese Praxis des Atmens würde auch den Dialog unterstützen; sie würde davor schützen, dass jemand zu schnell spricht oder eine Flut von Worten ausschüttet; es würde davor schützen, dass jemand ohne Atempause spricht. Indem man während des Sprechens nah bei sich bliebe, wäre es vielleicht einfacher, beim anderen zu bleiben oder die Leidenschaft des Staunens in der Begegnung mit dem anderen zu erfahren oder sich daran zu beteiligen, den Zwischenraum als gemeinsamen Raum, als geteilten Atem-Raum zu gestalten.

Dem Dialog zugrunde liegt also die Begegnung meines atmenden Ichs mit deinem atmenden Ich gerichtet auf eine kürzere oder längere Erfahrung des „Zusammenseins“, „Wir-Seins“, ein gemeinsames Teilen und gegenseitiges Empfangen der Luft in dem Raum zwischen uns, des Atems zwischen dir und mir. In diesem und durch dieses Teilen der Luft, der Kommunikation von Wörtern, die durch die Luft des Atems getragen werden, wird ein „wir“ erschaffen als Gemeinschaftswerk aller Beteiligten. Dieses gemeinsame Atmen in diesem Raum zwischen mir und dir und zwischen dir und dir trägt die Erfahrung des „Wir“ im Dialog und enthüllt die Zerbrechlichkeit dieses „Wir“. Denn es ist abhängig vom Teilen desselben Raums und vom Teilnehmen an der vorhandenen Luft in diesem geteilten Raum. Wenn der Atemraum von einem oder einem anderen sich angeeignet wird, zerbricht dieses Gemeinschaftswerk, das „Wir“.

Diese Erfahrung zerbrochener Kommunikation erhellt, dass die Begegnung mit dem oder der anderen etwas vom Erschaffen eines Kunstwerks an sich hat; einer Kunst, die nicht leicht zu erschaffen ist. Diese Kunst, einander zu begegnen, liegt im Offenhalten und Beschützen des Zwischenraums und der Distanz zwischen den Teilnehmenden am Dialog. Denn dieser Raum beschützt die Differenz zwischen dem einen und der anderen, durch die eine Begegnung erst ein Dialog wird und nicht ein verkappter Monolog bleibt. Dieses Dazwischen ermöglicht es jedem atmenden Subjekt in Frieden weiterzuatmen.

 

 

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2 Kommentare

  1. Anne-Claire Mulder: Der Atem und das Atmen schützt das “Dazwischen” | Denkumenta
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