Geld essen Kritik auf

Birge Krondorfer

Ein Plädoyer für unbezahltes Tätigsein. Erfahrungen in der Frauenbewegung

Seit 20 Jahren existiert in Wien ein von mir mit gegründeter gemeinnütziger ‚Verein zur feministischen Bildung, Kultur und Politik’, genannt Frauenhetz*, der nur deshalb noch lebt, weil die dort Tätigen sich freiwillig und unbezahlt engagieren. Das wird selten – manchmal staunend – anerkennend gelobt und eher oft mit Ignoranz und einem Kopfschütteln oder einem milden Lächeln quittiert. Das ist das Ent/Täuschende einer politischen Situation, von der ich doch nicht lassen will, und über deren Sinn oder Unsinn ich in Form einer kleinen zeitdiagnostischen Skizzierung sprechen möchte.

Seit ungefähr 30 Jahren bin ich in der Frauenbewegung tätig. Und damit meine ich jenen Teil der feministischen Politik, der auf weiblicher Autonomie, Kritik am männerdominierten System, strukturellen Veränderungen, Bezugnahmen unter Frauen und subversiven Widerstand gesetzt hat. In dieser doch äußerlich langen Zeit, die ich  gleichzeitig ihrem inneren Wesen nach als überhaupt nicht derart alternd erfahren habe, hat sich frappant viel und gleichsam wenig verändert. Wie auf einer Reise. In der Etymologie der deutschen Sprache ist zu lesen, dass ‚erfahren’ ursprünglich auch die Bedeutung von ‚reisen’ hatte und schon bald jene von ‚erforschen, kennenlernen, durchmachen’, sowie ‚klug, bewandert’. Diese  Wortsinne von ‚Erfahrung’ ergeben eine erstaunliche Kongruenz zu den Aufbrüchen und Wegen der Frauenbewegung – wie bei einer Reise: diese hat zumeist einen Ausgangspunkt, aber wo sie eine hinführt, das ist nicht immer evident. So wissen wir nicht, wo genau die Frauenbewegungen gegenwärtig zu verorten sind, wohin sie gehen, ob sie stehen geblieben sind – und viele Unkenrufe reklamieren gar deren Auflösung; entweder mit der Begründung einer zeithistorischen Unnotwendigkeit, da die Situation der Frauen sich angeglichen hätte; oder mit der Deklaration der Inexistenz des Subjekts Frau, wodurch sich deren Bewegung wie von selbst aufhebt.

Erfahrungen (mit) der Frauenbewegung

Ich denke, ich brauche hier nicht Eulen nach Athen tragen und jetzt all die theoretischen und wissenschaftlichen, die sozialpraktischen und politischen Entwicklungen der verschiedenen Feminismen nacherzählen. Wir erinnern uns nur kurz: zu Beginn der zweiten Frauenbewegung engagierten sich die meisten Feministinnen vorbehaltlos und ohne pekuniäre Sicherungen in Frauenkontexten. Doch diese Dynamik wurde bald umstrittener Weise in Bahnen staatlicher Frauenpolitik und weitergehend in Berufsfeminimus (in Realpolitik und Universitäten z.B.) gelenkt, ohne jedoch gänzlich darin aufzugehen. Vielmehr passierte eine Spaltung, heute würde man sagen eine erste Differenzierung, auch bedingt durch die Entmischung dieser neuen (oder zweiten) Frauenbewegung durch den Konflikt um die ‚wahre’ sexuelle und damit un/freie persönliche und gesellschaftliche Identität. Diese Entwicklung ging Hand in Hand mit dem Aufbau von Frauenräumen (wie Frauenbuchhandlungen, Frauenzentren, Frauenhäuser, Frauenberatungsstellen), die später unter dem Begriffsdach „Frauenprojekte“ versammelt wurden. Interessanterweise sind diese Frauenorte, die auf Selbstbestimmung, Selbstverwaltung bauten und last but not least durch Selbstausbeutung existierten, vornehmlich von frauenbezogenen Frauen getragen worden. Das Motto „das Persönliche ist Politisch“ fand hier einen öffentlichen Ausdruck für die Exkludierten: Kleine, wenn auch viele Versuche einer Erlösung von männerbündischen Strukturen.

Doch mit der Zeit – und ich lasse jetzt politologische Analysen über die Ära des  westlichen Sozialstaats etc. aus  ­– wurde aus den selbstorganisierten antihierarchischen politisch motivierten Projekten zunehmend Sozialarbeit mit Professionalisierungsstandards und bezahlten (bzw. zu bezahlenden) Mitarbeiterinnen. (Von der ‚Genossin’ zur Kollegin.) Das machte zunehmend von staatlichen Subventionen abhängig. Diese Dialektik – hier Emanzipation und die Notwendigkeit sich ökonomisch selbst zu erhalten (linksfeministisch gewendet: Unabhängigkeit durch Erwerbsarbeit) – und dort Einpassung in die Arbeits- und Kapitallogik und die dadurch erfolgte Anpassung an Vorgaben der fördernden Institutionen sowie an die Begehrlichkeiten nach bürgerlichen Lebensumständen (die natürlich auch dem Älterwerden geschuldet sind) und seinen warenförmigen Verpflichtungen, transformierte – etwas pathetisch ausgedrückt – die Berufung zum politischen Feminismus hinzu femi-sozialen Berufen. Professionalisierung und Karriere der Person sind zu einer anerkannten Größe gewachsen, die in einem engen Zusammenhang zum erfolgreichen Sozial-, Team- und Organisationsmanagement des jeweiligen Projekts stand.

In dieser Phase bereits zeichnete sich die Tendenz zur Disziplinierung, Ökonomisierung und Durchkapitalisierung der Frauenprojekte ab. Inzwischen sind wir im Neoliberalismus mit seinen schizophrenen Anforderungen angekommen: von Qualitätsmanagement/standards seitens der Projekte, von Selbststeigerung/regulierung der Individuen auf der einen Seite – und freiwilligen sozialen (Bürger)Diensten, unbezahlten Praktika oder prekären Arbeitsverhältnissen auf der anderen Seite. Schlagworte wie Qualitätskriterien, Struktur-, Prozess- und Ergebniseffektivität; selfempowerment, Machttechniken, enterprising self sind Symptom und Manifestation einer regulierenden Ideologie, die sich als solche nicht reflektieren will, und daher alles, was ihrer ökonomischen Rationalität nicht entspricht als ideologisch und damit irreal abtut. Ethische, politische oder gar feministische Wertvorstellungen, Eigensinn, Gestaltungsspielraum und Kritik werden zunehmend durch ökonomische Effizienzkriterien ersetzt.

Eine der wesentlichen Maximen der Frauenbewegung – die Selbstbestimmung – wurde nicht nur diskursiv enteignet und zur Kategorie des neoliberalen Selbst, dem es um die Optimierung seiner Interessen geht, de/reguliert. Begrifflich lässt sich diese Verschiebung auch an jenem Prozedere der post/modernen ‚Ich’-Genealogie im Kontext feministisch-theoretischer Spiegelungen der zweiten Frauenbewegung fassen. Der Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung war gerichtet gegen den weiblichen Objektstatus (Gleichheitsfeminismus) und für die Subjektwerdung Frau (Differenzfeminismus). In diesem historischen Moment entfaltete sich die männliche ‚List der Vernunft’ und erklärte – unter dem Vorzeichen der Enthauptung des Meistermannes – das Subjekt für tot. Die avancierte feministische Theorie nahm die Auflösung des Subjekts insofern gern für sich in Anspruch, als ein Begriff von ‚neuer’ Weiblichkeit sich nicht in der Adaption eines starren, genuinen, quasinatürlichen Frauen/Subjekts erschöpfen sollte (Dekonstruktionsfeminismus). Mit der diskursiven Wende zur gänzlichen Auflösung des Subjekts Frau als bloß ein- und zugeschriebener Körper – bei dessen gleichzeitiger Entmaterialisierung (EntMATERialisierung) – wurde das Subjekt Frau (und damit das Subjekt des Feminismus) verworfen zugunsten einer niemals zu fixierenden, aber ständig selbstbestimmbaren Identitätskonzeption (Konstruktions- bzw. Postfeminismus).[1]

Etwas polemisch ausgedrückt, ginge es heute also nicht mehr um die Befreiung der Frauen vom Mann, auch nicht mehr um die Befreiung der Frauen hin zu Frauen, sondern um die Befreiung der Frauen von der Frau. (Womit wir dann wieder beim Mann gelandet wären? Oder bei chimären Figuren, die halt nur zufällig sexistisch, rassistisch usw. sind, selbstgewählt natürlich.)

Erfahrungen im Neoliberalismus

Diese ganze Geschichte ließe sich zusammenfassen als die Wendung vom Subjekt (das wörtlich auch das ‚Unterlegene’ heißt) hin zum Individuum (das wörtlich das ‚Unteilbare’ heißt). In meiner Wahrnehmung hängt dies eng mit dem sich realisierenden Gouvernementalitätskonzept (nach Michel Foucault) zusammen, ja bildet sich in einem Spiegelverhältnis ab.

Kurz skizziert lässt sich die Neoliberalisierung in der Perspektive der Gouvernementalität beschreiben als die Dynamik einer Regierungsform, die unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit regiert und dies in eine Sprache der Selbstverwirklichung gegossen hat. Diese ‚politische Rationalität‘ zielt auf die Ökonomisierung des Sozialen ab.

Dieses Regieren als ‚Handeln auf Handlungen‘ (Foucault) bedeutet nicht Unterdrückung von Subjektivitäten, sondern meint die Selbst/Produktion einer Subjektivität, die sich ‚freiwillig‘ an Regierungsziele anschließt. Die Freiheit zum Tätigsein wird heute zum Zwang dazu und so wird man sich selbst zum Instrument einer Selbst/Kontrolle, die zugleich Prozess einer ‚innovativen‘ Subjektivierung ist. Jede ist selbst Schuld, wenn es ihr an Autonomie, Initiative, Flexibilität, Dynamik, Mobilität und Anpassungsfähigkeit mangelt. Das Individuum wird zu einer aktiven Ware, die sich ausstellen muss, repräsentieren. Arbeit an sich selbst ist dabei vorausgesetzt und wird identisch mit ‚training for the job’. Die Neoliberianer verwechseln Wahloptionen (konsumierbarer Identitäten) mit Freiheit. Man kann heute sozusagen die ‚Autonomie‘ nicht verweigern. Im Gegenteil, es wird einer Selbstentwicklung gefrönt, die Distinktion zur Voraussetzung und zum Ziel hat. Nur als KonkurrentIn – im partizipativen Team wohlgemerkt, wo jede/r empowert das letzte Beste auch noch gibt – habe ‚ich‘ Platz.

Begriffe wie Entfremdung, Kritik, Solidarität, Ausbeutung, Unterdrückung, Unterschiede, Opfer – sie alle sind vor der Vorstellung eines vom Selbst de- und induzierten Agierens durch permanente Selbstverbesserung, wo Sein und Repräsentation identisch sind – gewichen. Die Vereinzelten werden in einer Weise sich selbst überlassen, dass sie frei sind eben das zu tun, was ihnen auferlegt wurde. Die scheinbare Selbsterfüllung ist dann das Pendant: in einer Talkshow war zu sehen wie junge und in keiner Weise beeinträchtigte Frauen ihre erwünschten Busenimplantate als besseres feeling, da sexy, da von Männern aufgewertet, anpriesen.

Massiv wirkt sich dieses Menschenbild auf die Geschlechterfrage aus. Wo strukturelle Überlegenheiten und Unterlegenheiten negiert und eine ins und aufs Individuum verlegte Zuständigkeit regiert, da scheint auch die Geschlechterproblematik keine mehr zu sein und feministische Optionen werden in individuelle Flexibilitäten umformuliert.

Der Zwang zur steigernden Professionalisierung von Einzelnen und Projekten durch permanentes Coaching und Fortbildungen dient dem Leitbild der Karriere als Lebenserfüllung. Diejenigen, die da nicht mitspielen können, bzw. dies als würdigen Arbeits- und Lebensentwurf nicht akzeptieren – und von den vorgestanzten gesellschaftlichen Anerkennungsritualen nicht in hohem Ausmaß abhängig sind (und aus diesem Grund z.B. auch ehrenamtlich in weiblich zugewiesenen karitativen Feldern arbeiten) – werden gerade von diesen (KarrieristInnen), die es geschafft haben, nicht ernst genommen. Aber wobei spielen diese ‚Versagerinnen’ da eigentlich nicht mit?

Herkünftig kommt ‚professionell’ von ‚berufsmäßig’, und ‚öffentlich bekennen, erklären’ – also bedeutet Professionalisierungsdruck, die pausenlose Unterstreichung eines pausenlosen öffentlichen Bekenntnisses zur Erwerbsarbeit. Hier werden säkularisierte Reste des Zusammenhangs von Beruf und Berufung beschworen, mit welchem man die Himmelsleiter geschwind und zielstrebig zu erklimmen hat – kommt doch etymologisch ‚Karriere’ von ‚Rennbahn’, ‚Laufbahn’. Interessant ist auch das Stammwort ‚carrus’ ‚Wagen’. Geht es vielleicht implizit auch darum, dass die beruflich sich zu ihren Unternehmungen öffentlich bekennenden Frauen, derart animiert werden, um allzeit bereit den ‚Karren aus dem Dreck zu ziehen’?

Die Verweigerinnen – so könnte vermutet werden – bekennen sich also nicht zum Glauben an die umfassende (und immer unter dem Verdikt der permanenten Selbstqualifizierung stehende) Verfügbarkeit ihrer Lebensbegehren und Tätigkeitsenergien – auch nicht  dann, wenn es dafür guten ‚Gotteslohn’ gibt.

Erfahrungen mit den Vernutzungen

Über den Zusammenhang von Arbeit und Leben ist in Bibliothekengröße spekuliert worden. Heute ist dies durch das Ausgehen von (bezahlbarer) Arbeit in den westlichen Wohlstandsnationen, durch prekarisierte Arbeitsverhältnisse und in Form von Debatten über Grundeinkommen brandaktuell geworden. Was aber ist Arbeit?: Ist Mühsal, ist Aufschiebung des Todes, ist Identität, ist Gegenstand, ist Notwendigkeit, ist protestantisch, ist Ware, ist so tun als ob, ist immateriell geworden, ist langweilig, ist ausgegangen, ist Verzicht, ist reproduktiv, ist Ausbeutung, ist Freizeit, ist Sklaverei, ist kapitalistisch, ist privat, ist zu beschaffen, ist öffentlich, ist produktiv, ist Beziehung, ist Entfremdung, ist freiwillig, ist Mehrwert, ist nichts mehr wert, ist Denken, ist Sex, ist Sport, ist Essen, ist Kultur, ist Gewalt, ist Gewissen, ist Geld.

Ein in diesem Zusammenhang treffendes Zitat über die Zwieschlächtigkeit des Arbeitsbegriffs lautet: „Die englische Sprache hat den Vorzug, zwei verschiedene Worte für diese zwei verschiedenen Aspekte der Arbeit zu haben. Die Arbeit, die Gebrauchswerte schafft und qualitativ bestimmt ist, heißt work, im Gegensatz zu labour; Die Arbeit, die Wert schafft und nur quantitativ gemessen wird, heißt labour im Gegensatz zu work.“ (K. Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. I. (1867) (MEW 23, S. 61) Er verbindet den ‚Doppelcharakter’ von Arbeit jeweils mit dem Begriff der Verausgabung: der abstrakte allgemeine Aspekt produziert den Waren- und Tauschwert und ist damit quantitativ; der konkrete nützliche Aspekt schafft Gebrauchswerte und ist damit qualitativ. Die Jetztzeit hingegen suggeriert Qualitätswachstum dort, wo es durch Verwaltung und Standardisierung um Quantitätsoptimierung geht. Tendenz: Gebrauchswert löst sich gänzlich in Tauschwert (als Konsumwert) auf.

Ein System, dem es primär um die Wahrung individueller Bereicherung, also Kaufpotenz geht, erträgt prinzipiell den lebendigen Aspekt von Verlusten nicht. Verausgabung wird nur honoriert als Leistungsausschüttungsgarantie, die sich lohnt. Die unproduktive Perspektive der Verausgabung (nach George Bataille: Aufhebung der Ökonomie), die Verschwendung von Zeit, Materialien und Energien ohne Kalkül, ohne Tauschverhältnis und in einem Selbstverschleiß, der nicht als Mittel der Produktion verwendbar ist, also nicht mehr in die ökonomische Rationalität eingebunden werden kann, ist heute undenkbar geworden. Feste, Kunst und Luxuskonsum sind (nach Bataille) Formen der Verschwendung von Reichtümern, d.h. keine zweckgebundene Produktion. Der Grundgedanke dabei ist, dass Menschen nicht nur leben um zu arbeiten, sondern auch aus reinem Selbstzweck. Dem homogenen System arbeitsteiliger Produktion sowie der Reinvestierung von Mehrwert in die weitere Reichtumsproduktion steht die heterogene Souveränität gegenüber, die ihren Überfluss ekstatisch verausgabt.

Hingegen wird in Zeiten neoliberalistischer Ideologie eine work-life-balance angepriesen, die keine überflüssige Zeit mehr zulässt; die Einzelnen müssen sich nicht nur fragen, welche Aufgaben sie in der Arbeitszeit optimal erfüllen, sondern auch, welche sie in der Freizeit effizient erledigen ‚wollen’. Das gelenkte Individuum lenkt sich ‚freiwillig’ selbst; der Topos der Verschwendung ist in der Topologie ununterbrochener Verwendbarkeit von ‚human resources’ verschwunden. Und entlädt sich lediglich noch im ‚consum-ergo sum’ – bis hin zu erwerblichen Freizeit- und Gesundheitsaktivitäten. Vom einstigen Verdikt des „Ora et labora!“ ist nur noch die gebetsmühlenartige Arbeitsanrufung geblieben.

Erfahrungen mit dem Unbezahlbaren

Eine Möglichkeit dieser Zweckrationalität sinnvoll zu entkommen – und das ist meine These – wäre es, sich in unbezahlter politischer Arbeit zu verausgaben. Und dies nicht nur – wie gemeinhin – als Selbstausbeutung zu charakterisieren. Nach Hannah Arendt (Vita Activa oder Vom tätigen Leben) ist die Politik zu einem Job wie jeder andere verkommen. Bekanntlich kritisierte sie die Verherrlichung der Arbeit in unserer Kultur. In ihrer Differenzierung der menschlichen Tätigkeiten in Arbeit -Herstellen – Handeln, verweist sie die Arbeit in den Bereich der Notwendigkeit, also in die Unbedingtheit des Überlebens. Und nicht, wie wir es gewohnt sind, in die Verwechslung von Arbeitsauffüllung mit Lebenssinn. Durch den ‚Sieg des animal laborans’ ist uns die Möglichkeit einer gelingenden menschlichen Existenz verloren gegangen, da wir unsere Kräfte im Produzieren aufbrauchen um sie dann im Konsum zu verbrauchen. Diese Form der leeren Selbstbezogenheit führt zur Weltentfremdung und Verlassenheiten; das Politische – das im sprechenden Handeln liegende Vermögen zur Bezogenheit auf die Anderen – wird vergessen. Der politischen Freiheit, im und durchs Handeln unsere Welt mitzugestalten, wird die Freiheit des Privatmenschen vorgezogen. Und dadurch sind wir in radikaler Weise der öffentlich-politischen Dimension unserer Existenz beraubt.

Die freiwillige und in diesem Sinn unbezahlbare Tätigkeit hingegen, hebt sich als Arbeit auf und wird zum gemeinsamen, also pluralen Handeln. Politisch Tätigsein geht nicht von der planbaren Herstellbarkeit von Perfektion aus; sie entbehrt jeder Zweckrationalität, sie ist sich selbst Zweck. In diesem Sinn lässt sich die ekstatische Verausgabung (Bataille) vergleichen mit diesem ex-zentrischen Politikverständnis eines zweckfreien Handelns, das nicht bezogen ist auf die individuelle Selbstheit, sondern auf das Sprechen und Tun der sich Fremden als Bezogenheit auf öffentliche gemeinsame Belange. Diese Art der Selbstlosigkeit – im Unterschied zur heute erforderten Selbststeigerung – mag luxuriös wirken  (‚wer es sich eben leisten könne unentgeldlich Zeit zu investieren’ ist ein sich wiederholender Einwurf, wenn von politisch freiwilliger Tätigkeit die Rede ist). Aber es braucht keinen materiellen Reichtum, um  das scheinbar Überflüssige – einen anderen Reichtum  – wollen zu können. Der mögliche Vorwurf, es würden damit die typische weibliche Selbstausbeutung sowie prekäre Arbeitsverhältnisse prolongiert werden, trifft dort nicht zu, wo es eben nicht um Tausch geht, sondern um ein  sich Verschenken jenseits der Verwertbarkeit. Diese Idealität ist in gewisser Weise der Versuch der mise-en-scene einer immanenten Transzendenz; ein Ort des Außerhalbs des Glaubens an die Unterwerfung an das Vorgegebene  – und deshalb möglich, weil wir uns unabhängig vom jeweils bezahlten Arbeitsplatz organisieren können.

Nach Hannah Arendt verurteilt uns die Arbeitsgesellschaft zur Geschichts- und Erfahrungslosigkeit. Und zur Erfahrung gehört die miteinander sprechende Versammlung von Mehreren, ein ‚Wir’ von Unterschiedenen. In diesem Sinn wäre die gesellschaftliche Nichtanerkennung von derartigen politischen und feministischen Projekten deren eigentlicher Nutzen und Reichtum: Bezugnahme auf-ein-ander, Systemdistanz und dadurch kritisches Urteilsvermögen. Sich nicht bloß um das eigene Fortkommen, sondern um den Bestand solcher Orte der Auseinandersetzung zu sorgen (Ehrenamt statt Ehrgeiz) ist vielleicht auch das, was die Verbindung von politischen Realitäten mit den Denkenden ermöglicht.

Es braucht wirkliche oder metaphorische Diasporas wider die Herrschaftsräume, also Orte der Kritik und Zeiten der Selbstkritik, um vor dem Einverständnis mit dem Unzumutbaren zu bewahren. Kritische Praxis ist unbezahlbar, aber nicht utopisch; sie macht Veränderungen zumutbar.

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*  Vgl. Frauen und Ökonomie. oder: Geld essen Kritik auf. Hg.: Birge Krondorfer/Carina Mostböck, Wien 2000

[1] Selbstverständlich ist das eine verkürzte und letztlich subjektive Darstellung. Ebenso möchte ich anmerken, dass ich, wenn hier von dem Subjekt Frau und dem Subjekt Feminismus gesprochen wird, niemals – weder in meiner frauenbewegten Praxis noch in der politischen Theorie – von einem homogenen, homologen (auch nicht hegemonialen und universellen), un/bewusst normativ bestimmten weiblichen Subjekt oder determinierten Identitäten ausgegangen bin. Ich kenne nur unterschiedliche Frauen. Es gab nie (wie Julia Kristeva in den 80er Jahren bereits schrieb) ‚die Frau’, sondern 100 Millionen Frauen. Der Wunsch nach gemeinsamer Politik betraf und betrifft die Ebene der (weltweiten) strukturellen Ähnlichkeiten in Bezug auf Ausschluss-, Unterdrückungs-, Ausbeutungs- und Entfremdungsphänomene. Deshalb finde ich das avantgardistische Selbstverständnis der KonstruktionsanhängerInnen (klassischer westlicher Fortschrittsglauben zudem) befremdlich und das  Widersprüchliche aller nach wie vor uneingelösten frauenpolitischen Anliegen ignorierend. Zudem mache ich als Lehrende in Universitäten und als Vermittlerin in anderen Bildungskontexten die Erfahrung, wie tief jüngere Frauen durch das Verdikt der Antigeschlechtsbestimmung verunsichert sind; bevor sie wissen, wer sie sind und was sie wollen, also erwachsen werden, verlieren sie den Boden unter den Füssen und den Bezug zur Welt vor lauter Nabelschau und political correctness – bis hin zur Sprachlosigkeit. Es gibt auch die völlig gegenteilige Erfahrung, nämlich dass das Absprechen ‚weiblicher Identität’ erst recht ein Beharren auf dieser provoziert, garniert mit Festschreibungen konventioneller ‚Natur’.

[2] Bei der Debatte um Frauen in Führungspositionen ist es ja bspw. ‚in’, soz. als ‚Lockvögelei’, Frauen mit ihren weiblichen Qualitäten als bessere Managerinnen anzurufen und Belege zu sammeln, wo Unternehmen mit Frauen an der Spitze mehr ökonomischen Gewinn machen als traditionelle Männerbesetzungen.

[3] Der Unterschied zwischen Beute und Gabe kommt hier ins Denken. Das führt aber jetzt zu weit, von daher nur einer unter vielen Literaturtipps: Genevieve Vaughan For-Giving. Schenken und vergeben. Eine feministische Kritik des Tauschs, Helmer Verlag 2008

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6 Kommentare

  1. Danke, dass du den Text hier zur Verfügung stellst. Und ich bedaure, dass ich an diesen Workshop bei der Denkumenta nicht besucht habe.

  2. Fidi Bogdahn

     /  15. September 2013

    Ich weiß, ich weiß, ich musssss den Text ja nicht lesen! Aber was HIER veröffentlicht wird, möchte ich eigentlich lesen… Und jetzt, nachdem ich gelesen habe, frage ich mich: muss der Text denn, abgesehen vom bisschen Anfang und bisschen Schluß, in solch schwieriger Sprache sein, so dass ich -die ich mich da durchmühte, weil ich glaubte, es würde wieder einfacher und damit auch mir verständlicher werden- nun irritiert dasitze wie ein Wurm,
    der vergeblich versucht hatte, sich durch einen leckeren Apfel zu fressen… es wurmt mich! Naja, dann trink ich eben ein Glas Apfelwein.

  3. vielen dank noch mal, ich denke seit dem workshop viel über ehrenamt und unbezahltes tätigsein nach und bin froh, deinen Text noch mal nachlesen zu können. ich habe da tatsächlich wieder mehr Würde gefunden und empfinde was ich freiwillig tue nicht mehr als Selbstausbeutung. Die Frage danach, wo und wie dann auch noch genug ( auch schwer zu beantworten wie viel das genau ist) Geld zu beschaffen ist bleibt aber leider bestehen.
    und ob das mit dem dekonstruieren wirklich so fatal ist und dazu führt, dass reale unterdrückungsstrukturen nicht mehr wahrgenommen werden, würde ich gerne mit dir diskutieren.

  1. Birge Krondorfer: Geld essen Kritik auf | Denkumenta
  2. beziehungsweise – weiterdenken : Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen
  3. „Ein Plädoyer für unbezahltes Tun“ von Birge Krondorfer – Willkommen in meinem Prekariat

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