„Unser Denken“ (Fragment von 2009)

Schon vor der Arbeit am „ABC des guten Lebens“ gab es bei einigen Treffen der Mailingliste „Gutes Leben“ den Versuch, einmal in Worte zu fassen, was „unserem Denken“, wie wir das damals nannten, zugrunde liegt. Das daraus entstandene Textfragment ist nie veröffentlicht worden, aber mit dem Denkumenta-Blog gibt es jetzt einen guten Ort, um es zu dokumentieren.

Weltgestaltung

Unser politisches Engagement gründet auf der Liebe zur Welt und auf dem Wunsch nach aktiver Weltgestaltung. Dabei stellen sich heute viele, oft unlösbar erscheinende Probleme – globale Ausbeutung, Zerstörung der Umwelt und des Klimas, soziale Ungerechtigkeit auch in den reichen Ländern und mehr. Bei vielen politisch aktiven Menschen löst das Verzweiflung und Ohnmachtsgefühle aus. Auch wir sehen diese Probleme und halten es für notwendig, sie anzugehen. Es ist jedoch illusionär, sie “durchschauen” zu wollen und das eigene Engagement auf sie zu fixieren. Verzweiflung und Kritik sind weder ein sinnvoller Ausgangspunkt noch eine Bedingung für politisches Handeln.

Postpatriarchales Denken
Ein wesentlicher Grund für das verbreitete Gefühl der Sinnlosigkeit herkömmlicher politischer Debatten ist, dass die alten symbolischen Ordnungen und Denksysteme nicht (länger) in der Lage sind, in der Welt Sinn zu stiften und Orientierung zu bieten. Es ist aber nicht sinnvoll, ihnen neue, in sich abgeschlossene Denksysteme entgegenzustellen. Postpatriarchales Denken geht von der Einsicht aus, dass Politik ein offener Prozess ist, an dem wir uns in Freiheit beteiligen können, ohne eine feste Vorstellung entwickeln zu müssen, wie die Zukunft sein muss.

Frauen und Männer
Worum es geht, ist das Ganze der Welt und nicht speziell das Verhältnis von Frauen und Männern. Innerhalb dieses Rahmens geht es jedoch auch um die Geschlechterdifferenz. Dass es auf der Welt Frauen und Männer (und möglicherweise weitere Geschlechter) gibt, ist nicht ein Problem, das überwunden werden muss. Vielmehr gehen wir von der Idee (und der Erfahrung) aus, dass sich aus der sexuellen Differenz etwas Positives für die Weltgestaltung gewinnen lässt. Wesentlich ist dabei die Zurückweisung falscher Dualismen, für die die Hierarchisierung von Männern und Frauen nur ein Beispiel ist. Weitere dualistische Hierarchien sind die von Geist und Körper, Kultur und Natur, Gesundheit und Krankheit, Öffentlichem und Privatem und vieles mehr. Solche Dualismen lassen sich nicht in einer angeblichen Einheit oder einer unendlichen Vielfalt von Einzelnen auflösen. Vielmehr ist es notwendig, den realen Differenzen neue Bedeutungen zu geben und andere, nicht herrschaftsförmige Beziehungen zwischen Verschiedenem zu stiften.

Umräumen und neu ordnen
Dieser Prozess lässt sich im Bild des „Umräumens“ beschreiben. Es geht nicht darum, alles neu zu machen und das Alte pauschal zu bekämpfen oder abzuschaffen, sondern um andere Prioritäten und Bezüge. Wo haben die Dinge ihren angemessenen Platz? So gehören etwa Gesetze nicht ins Zentrum der menschlichen Beziehungen, sind deshalb aber nicht komplett sinnlos. Firmenbilanzen und Produktivitätszahlen sind nicht das Zentrum der Wirtschaft, aber deshalb auch nicht vollkommen unwichtig. Bei der Arbeit an einer neuen symbolischen Ordnung geht es darum, die Dinge neu zu benennen, zu beschreiben und auf eine Weise zueinander in Beziehung zu setzen, die sinnvolles Handeln in der Welt ermöglicht.

Liebe zur (unperfekten) Welt
Kritik an ungerechten Zuständen oder an falschen Denkmustern ist wichtig, aber sie stellt nicht das Zentrum unserer politischen Orientierung dar. Vielmehr liegt der Fokus auf den Möglichkeiten eines guten Lebens, das nicht erst in einer fernen Zukunft, sondern schon jetzt Realität ist, ebenso wie die Freiheit nicht davon abhängt, dass das eigene Engagement auf keinerlei Hindernisse stößt. Es ist kein sinnvolles politisches Ziel, jegliches Unglück abzuschaffen, denn es gibt auch Unglück, das nicht selbstgemacht ist, und dieses beeinträchtigt unser Glücklichsein nicht. Insofern gilt unsere Liebe nicht einer imaginierten perfekten Welt, sondern gerade der unperfekten Welt. In ihr hat Kritik ihren Ort, das Böse wird nicht verdrängt, aber es steht nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit.

Fülle und Bedürftigkeit
Die Vorstellung des autonomen „Self Made Man“, der Hilfe nur in Ausnahmesituationen benötigt, ist eine Illusion, die auf dem System des patriarchalen Geschlechterdualismus gründet und heute keine sinnvolle Grundlage sozialpolitischer Debatten sein kann. Immer deutlicher zeigt sich (unter anderem weil die stillschweigende häusliche Gratisarbeit von Frauen nicht mehr im gleichen Maß wie früher zur Verfügung steht), dass alle Menschen wesentlich Fürsorge-abhängig und also Bedürftige sind. Dass diese Tatsache in öffentlichen politischen Debatten dennoch weitgehend ignoriert wird, liegt vermutlich daran, dass die gemeinsame Welt als eine des Mangels gedacht wird, und im Angesicht des Mangels ist die eigene Fürsorgeabhängigkeit beängstigend. Es ist deshalb notwendig, die Fülle der Welt bewusst zu machen – eine Fülle, die nicht allein in materiellen Ressourcen besteht, sondern vor allem in der Unendlichkeit der menschlichen Kreativität und des Begehrens.

Freiheit in Bezogenheit
Möglich ist diese Neuorientierung, weil alle Menschen die Erfahrung der Fülle bereits gemacht haben: Als Geborene sind wir alle Töchter und Söhne einer Mutter, die ihrerseits wieder Tochter war. Wir sind also als Hilfsbedürftige in diese Welt gekommen und konnten nur überleben und wachsen, weil uns das Lebensnotwendige geschenkt wurde. Dankbarkeit gegenüber der Mutter ist der Ausgangspunkt für eine Weltsicht, die Freiheit nicht als Abgrenzung von Bedürftigkeit, sondern vielmehr als Folge von Bezogenheit versteht. Dies ist für alle Menschen, Frauen wie Männer, wichtig, jedoch für Frauen noch einmal auf besondere Weise, da ihr Geschlecht das Gleiche der Mutter ist. Sie können ihre Freiheit nicht auf dem Weg der Abgrenzung von der Mutter finden.

Körperlichkeit
Dies beinhaltet die Anerkennung der eigenen Körperlichkeit. Das ist ein schwieriges Thema, weil der Bezug auf den weiblichen Körper eine gefährliche Nähe zum Biologismus beinhaltet. Dennoch ist es notwendig, den körperlichen Aspekt des eigenen Frauseins nicht aus dem politischen Diskurs fernzuhalten, weil weibliche Freiheit unmöglich ist, wenn wir das Menschsein auf eine vermeintlich geschlechtsneutrale „Geistigkeit“ beschränken.

Sich inspirieren lassen
Dankbar beziehen wir uns auf die Anregungen und Inspirationen, die wir aus dem Denken und der Arbeit anderer aufgreifen – (hierzu bitte diesen Kommentar beachten) dem Gleichheitsfeminismus, der Matriarchatsforschung, der Subsistenztheorie, unterschiedlichen sozialistischen Richtungen, dem Dekonstruktivismus, der Queer-Theorie und vielen anderen. Wir lehnen ihre Erkenntnisse nicht ab, sondern setzen sie vielmehr voraus und bauen darauf auf. Wir halten diese Denkansätze auch nicht für untereinander unvereinbar, allerdings auch nicht für abgeschlossen oder über Kritik erhaben. Es ist notwendig, darüber hinauszugehen.

Orientierung am Begehren
Grundlage des politischen Engagements ist das persönliche Begehren jeder Einzelnen, das gestärkt und orientiert durch den Austausch mit anderen als weibliche Autorität in der Welt wirksam wird. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe (wie etwa dem „gutenleben“) ist keine Verpflichtung, eine bestimmte Ansicht politisch zu vertreten. Ebenso wenig entbindet der Bezug auf sie von der Notwendigkeit, in erster Person zu sprechen und in einer gegebenen Situation die Verantwortung für das eigene Sprechen und Handeln zu übernehmen.

Geistesgegenwart
Fruchtbar ist Politik nicht aufgrund möglichst stringenter Konzepte und Analysen, sondern wegen der menschlichen Fähigkeit, in einer gegebenen, konkreten Situation Sinn zu vermitteln und Bedeutungen zu erschließen. Die Anderen sind dabei reales Gegenüber mit je individuellen Geschichten, Erfahrungen, Begehren und niemals bloße Repräsentant_innen ihrer Kultur, ihrer Partei oder sonst einer Gruppierung. Vielfalt und Differenz fruchtbar zu machen erfordert nicht einen interkulturellen oder parteiübergreifenden Dialog, sondern inter-vitale Gespräche. Dabei sind die jeweiligen soziokulturellen Hintergründe der Beteiligten (ihr Alter, ihre Religion, ihre Nationalität) ebenso wie ihr Geschlecht keineswegs unwichtig. Doch deren Bedeutung steht nicht von vornherein fest, sondern muss erst erschlossen werden. Dafür braucht es „Geistesgegenwart“, die nicht verfügbar oder instrumentell herstellbar ist, aber möglich, wenn wir Aufmerksamkeit für den jeweiligen Ort und die jeweilige Zeit haben und für das Unvorhergesehene offen sind.

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Ein Kommentar

  1. Interessant, diesen Text jetzt nochmals zu lesen. Man merkt allerdings an einigen Stellen, dass es ein „internes“ Papier war, weil manches nicht drin steht, was für uns selbstverständlich war, z.B. im Abschnitt „Sich inspirieren lassen“, wo der Hintergrund unseres Denkens (Denken der Geschlechterdifferenz, Diotima, Libreria, aber auch Feministische Theologie usw. ) komplett fehlen, wodurch die Aussage ziemlich schräg wird. Hier geht es nämlich darum, dass wir uns – auch – von anderen inspirieren lassen, an denen wir ansonsten einiges zu kritisieren haben.

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